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(Dolomit)Kalkbrand 2024 – Basis einer Baukultur Schlussbericht

(Dolomit)Kalkbrand 2024 – Basis einer Baukultur

Schlussbericht

 Basisdaten

Titel: Kalkbrand 2024 – Basis einer Baukultur

Ort: Kalkofen in Sur En da Sent, Unterengadin GR

Trägerschaft: Verein kalkwerk mit Sitz in Scuol

Verantwortliche Personen:

Delphine Schmid (Präsidentin, Architektin MSc ETH Arch),

Joannes Wetzel (Kalkist), Christof Rösch (Künstler/ Architekt),

Philipp Kuntze (Innenarchitekt/ Handwerksexperte)

E-Mail: info@kalkwerk.ch

1        Projektverlauf

1.1      Kurzzusammenfassung

Im Sommer 2024 konnte der Verein kalkwerk einen weiteren traditionellen Kalkbrand durchführen und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes der Kalkbrennerei leisten. Dabei konnten 8.3 Tonnen holzgebrannter Stückkalk gewonnen werden. Dieses hochwertige Bindemittel kann nun bei regionalen Bauprojekten und zur Reparatur von historischen Bausubstanz verwendet werden. Der Brennprozess wurde von einem Team vom Departement Materialwissenschaft der ETH Zürich begleitet, das erstmals Temperaturen im inneren eines Brennofens erfasste.

1.2      Zeitprogramm
  1. Mai Steine sammeln in der Val Trigl
  2. – 20. Mai Steine im Ofen einbauen
  3. – 28. Juni Aufbau Infrastruktur
  4. Juni Preisverleihung an den Verein kalkwerk ­­‑ Innovationspreises
    Regionalentwicklung Unterengadin / Val Müstair
  1. Juni – 6. Juli Kalkbrand
  2. Juli Sgraffito Workshop mit Kindern – Spass da vacanzas
  3. Juli Führung zu den Restaurierungsarbeiten im Kirchenturm Sent
  4. – 14. Juli Abkühlzeit
  5. – 19. Juli Entnahme des gebrannten Kalks

Während des Kalkbrandes fanden täglich Führungen statt und Besuchende waren jederzeit willkommen.

2       Zielerreichung

2.1      Wiederbelebung immaterielles Kulturerbe

Europaweit gilt das Handwerk der Kalkbrennerei und der Kalkanwendung als immaterielles Kulturerbe. Durch die regelmässige Wiederholung der Kalkbrände im Zweijahresrhythmus kann auf Erfahrungen aufgebaut und fortwährend neues Wissen gewonnen werden. Das kollektive Wiedererlernen eines alten Wissens belebt eine sehr spezifische handwerkliche Praxis neu.

Viele kalkwerk Mitglieder hatten inzwischen die Gelegenheit bei mehreren Kalkbränden aktiv mitzuwirken, sei es beim Befüllen des Kalkofens mit Dolomitsteinen (Abb. 3), beim Vorbereiten des Brennholzes, beim Erstellen des Lehmdeckels oder beim siebentägigen Feuern. Das Wissen kann so nicht nur innerhalb des Vereins weitergegeben, sondern auch durch die Beteiligten in andere Regionen getragen werden.

2.2      Kulturelle Beteiligung

Wie bei jedem Kalkbrand, stand es allen offen, jederzeit beim Kalkbrand vorbeizuschauen, Fragen zu stellen und mitzuhelfen. Die Bandbreite an Interessierten war über alle Altersgruppen hinweg verteilt. Durch die Veranstaltung eines Sgraffito Workshops im Rahmen von «Spass da Vacanzas» in Zusammenarbeit mit dem Verein Creacumün konnte die Faszination für die lebendige Tradition Sgraffito und das Wissen rund um das Sgraffito Handwerk an eine einheimische jüngere Generation weitervermittelt werden (Abb. 4).

2.3      Wissensgewinn und Austausch

Unter den aktiven Mitgliedern zeichnet sich auch gleich unsere interdisziplinäre Zielgruppe ab. Es sind Handwerkende, welche mit dem Material arbeiten, es sind Forschende aus Archäologie, Geologie und Chemie, es sind allgemein Kulturinteressierte, sowie Hausbesitzende mit Bauvorhaben, es sind Künstler*innen, Medienschaffende, Architekt*innen, Farbplanende und Fachleute aus der Bauforschung und Restaurierung. Bei den Kalkbränden kommen diese Personen auf Augenhöhe zusammen, verbringen intensive Tage miteinander, lernen Neues und tauschen sich aus. Mit jedem weiteren Kalkbrand wächst sowohl das Netzwerk als auch das gemeinsame Know-how.

2.4      Dolomitgewinnung

Holzgebrannter Stückkalk, bzw. Sumpfkalk ist essenziell für hochwertigem, handwerklich hergestelltem Kalkmörtel. In der Schweiz gibt es nur noch sehr selten Kalkbrände, weshalb qualitativ hochwertiger Kalk für die Restaurierung historischer Bausubstanz kaum verfügbar ist.  Durch die Herstellung von 8.3 Tonnen Stückkalk beim Kalkbrand 2024 wird die Basis einer Baukultur gefördert. Insbesondere im Engadin, da Dolomitbrände in der Schweiz dort einzigartig sind.

3     Besondere Erfolge

3.1 Experimentelle Archäologie kombiniert mit Forschung

Da sich die Kalkbrenn-Feldöfen der Römerzeit, des Mittelalters und des 18. Jahrhunderts kaum unterscheiden » – auch wenn jeder für sich ein Unikat ist -» liegt die Vermutung nahe, dass sich auch die Technik des Kalkbrennens im Wesentlichen nicht verändert hat. Beim Kalkbrennen im 2017 restaurierten Kalkofen in Sur En da Sent kann also eins zu eins nachvollzogen werden, wie es damals gemacht wurde.

Beim Kalkbrand 2024 hat ein Team vom Departement Materialwissenschaft der ETH den Brand wissenschaftlich begleitet und bereits beim Einbau im Frühling an die 16 Temperatursonden im Inneren des Ofens platziert und diese dokumentiert. So konnten während dem Brand laufend Temperaturen innerhalb des Ofens gemessen werden. Die Kombination moderner Messtechnik mit traditionellem Bauhandwerk stellt ein bemerkenswertes Novum dar. Die Temperatur wurde mehrmals pro Minute erfasst und in Echtzeit an einem Computer vor Ort übertragen, wo sie laufend in einem Graphen dargestellt und gespeichert wurden (Abb. 1, 2). Zum ersten Mal erhielten die Kalkbrenner*innen ein visuelles Feedback des Temperaturverlaufs im Inneren des Ofens, das Hinweise über den laufenden Brennprozess lieferte. Das Feuer wurde am Samstag, 29. Juni 2024 um 10:39 entfacht und am frühen Morgen des 6. Juli 2024 für die Auskühlungsphase verschlossen.

Folgende Beobachtungen und Erkenntnisse konnten gewonnen werden. Jede Erkenntnis führt zu neuen Fragen.

  • Im Vorfeld hatte Prof. Dr. Walter Caseri und sein Team vom Departement Materialwissenschaft der ETH verschiedene Dolomitsteine im Brennofen geprüft. Dabei haben sie festgestellt, dass die Brenndauer bei einer gegebenen Temperatur in einem mehr oder weniger linearen Verhältnis zum Gewicht der Steine steht und dass die Brenndauer zwischen 830 °C und 890 °C stark von der Temperatur abhängt. Anhand der gesammelten Brenndaten lassen sich nun erste Einschätzungen darüber treffen, welche Temperatur und Dauer nötig sind, um Steinbrocken einer bestimmten Grösse vollkommen zu transformieren.

Frage: Verhält sich Kalk und Dolomit vergleichbar?

  • Es wurde unter Kalkbrennerkreisen angenommen, dass der Lehmdeckel erst nach 24h als Isolation angebracht werden könne, da noch Wasser aus den Steinen entfliehen müsse. Nach der Aussage von Dr. Prof Walter Caseri enthält der verwendete Dolomit aber kein Wasser, sodass mit dem frühen Auftragen des Lehmdeckels der Vorteil einer schnelleren Aufwärmphase angestrebt wurde. Der Lehmdeckel wurde 2024 daher nach bereits 8 Stunden aufgetragen. Der Anstieg der Heizkurve ab der Fertigstellung des Lehmdeckels war erkennbar (Abb. 2).

Frage: Gibt es überhaupt Kalksteine die wesentliche Mengen Wasser enthalten?

  • Innerhalb des Kalkofens in Betrieb herrschen mit der Zeit Temperaturen von deutlich über 1’000 °C. Der Messbereich der Sonden erstreckt sich gem. Hersteller auf max. 1200 °C, und diese Temperatur wurde erreicht oder sogar übertroffen (eine genauere Analyse der Temperaturmessungen wird noch vorgenommen). Die Sonden wurden während dem Brand sehr stark in Mitleidenschaft gezogen und einige sind durch das Zusammensacken der gebrannten Dolomitmasse in der Abkühlphase (oder schon vorher?) zerbrochen.

Frage: Was passiert, wenn der transformierte Stein «zu hoch» erhitzt wird?

  • Im Verlauf der Tageszeiten und des Brennfortschritts ist die Temperatur nie überall gleich, Differenzen von ca. 200° kommen ständig vor. Jedes Stück gebrannter Dolomit aus dem Ofen hat somit eine eigene spezifische Brenngeschichte. Einzelne Temperaturangaben von Kalkbränden in Feldöfen sind daher immer krasse Vereinfachungen. Um zu eruieren, ob die Position im Ofen einen Unterschied auf die Eigenschaften des Stückdolomits hat, wurden Proben entnommen und von Jörg Lang untersucht.

Fragen: Spielt es eine Rolle wie genau ein Stein gebrannt wurde, ob schnell oder langsam? Was passiert, wenn der transformierte Stein «zu lange» erhitzt wurde?

  • Es gibt deutliche Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, sowie innerhalb des Ofens zwischen Tal und Hangseite. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Thermik und bessere Luftzufuhr eine Rolle spielen könnten, da die Brenntemperaturen in der Nacht deutlich höher sind als am Tag.

Fragen: Ist die Position des Kalkofens (mit der Schnauze auf ein Gewässer ausgerichtet) bewusst gewählt? Spielt die Thermik bei anderen Kalköfen auch eine Rolle?

  • Die Steigung des Temperaturverlaufs erfährt einen deutlichen Knick, bzw. der Temperaturanstieg pro Stunde eine Verlangsamung, sobald ca. 650° erreicht wurden. Folglich zeigt das Abflachen der Kurve ab dieser Temperatur den Kühleffekt der endothermen Reaktion bei der Transformation an. Für die vollständige Transformation der grössten im unteren- und den kleinsten im oberen Ofenbereich liegenden Dolomitsteine braucht dieser Feldofen 7 Tage und Nächte.

Frage: Wie lange braucht ein Kalkstein mit vergleichbarer Stein- und Ofen- Grösse?

  • In der Nacht vom dritten auf den vierten Juli zwischen 00:00 und 05:00 Uhr begannen die Temperaturanzeigen zum ersten Mal stark, aber periodisch zu schwingen/schwanken. Diese wilden Temperaturschwankungen fielen mit Flammenbildungen im Deckelbereich zusammen (Abb. 5). Dass die Werte sich tagsüber wieder normalisieren, deutet darauf hin, dass die Temperatursonden weiterhin funktionieren und die Flammenbildungen zurückgegangen sind.

Fragen: Warum treten die Temperaturschwankungen nachts auf? Warum treten diese synchronen Temperaturschwankungen in regelmässigen Abständen von ca. 10 min bis 1 h auf? Warum «normalisieren» sich die Temperaturanzeigen tagsüber wieder?

  • Bei allen bisherigen Dolomitbränden (2013, 2014, 2017, 2020, 2022, 2024) wurden Flammen an Öffnungen im Lehmdeckel ab einer Temperatur von etwa 600 °C beobachtet – typischerweise ab dem fünften Brenntag. Dieses Phänomen lässt sich mit der Nachverbrennung erklären. Während der Verbrennung entstehen brennbare Gase wie Kohlenmonoxid (CO), Wasserstoff und unverbrannte Kohlenwasserstoffe, die nicht sofort oxidiert wurden. Diese Gase steigen im Ofen nach oben und entzünden sich dort, wenn sie auf ausreichend Sauerstoff treffen und die nötige Zündtemperatur erreicht ist. Im Brennofen geschieht dieser Prozess automatisch – ohne äußeres Zutun. Die Flammen sind dabei durch Lücken im Lehmdeckel sichtbar.

Schlussfolgerung: Die Flammen unterhalb des Lehmdeckels sind ein Indikator für Temperaturen ab etwa 600 °C im oberen Ofenbereich. Sie treten dann auf, wenn genügend brennbare Gase aufsteigen und sich mit Sauerstoff vermischen.

 

Frage: Kommt der zur Zündung notwendige Sauerstoff aus der Brennkammer als aufsteigende heiße Zugluft oder wird er durch Öffnungen im Lehmdeckel aus der Umgebungsluft angesaugt?

3.2 Breites Engagement und wachsende Bewegung

Das Interesse der Mitglieder, den Prozess zu begleiten und die Bereitschaft mehrere Tage (auch Wochen) mitanzupacken, war überwältigend. Durch die Aufteilung der Arbeit in zwei Etappen – dem Steinesammeln und Einschichten im Ofen im Frühling und dem Kalkbrennen und Ernten im Sommer – konnten sich mehr Helfende Zeit nehmen und dabei sein. Viele Menschen können Berge versetzen, so wurden die 16 Tonnen Steine in wenigen Stunden aufgesammelt. Auch andere Arbeiten konnten in einem motivierenden Tempo durchgeführt werden.

3.3  Hotspot für Fachleute und überregionaler Austausch unter Kalkbrenner*innen

Vieleicht aufgrund des Datums außerhalb der Schulferien oder/und der Mitwirkung eines Teams der ETH, konnten wir diesmal unter den Besuchenden einen bemerkenswerten hohen Anteil an hochkarätigen Fachpersonen feststellen. Der Besuch und Mithilfe des Kalkbrand-Teams vom Ballenberg haben uns besonders gefreut und unterstrichen die Bedeutung der überregionalen Partnerschaft. Der Austausch unter praktizierenden Kalkbrenner*innen ist sehr wertvoll, da sich die Gelegenheit nur selten bietet.

3.4     Innovationspreis der Region 2023

Die Region Engiadina Bassa/Val Müstair (EBVM) zeichnet mit dem Innovationspreis jedes Jahr ein innovatives Unternehmen, Projekt oder Produkt aus. Im Frühjahr 2024 wurde der Verein kalkwerk mit Sitz in Chaflur, Strada mit dem Innovationspreis 2023 ausgezeichnet. Die Übergabe des Preises fand zum Auftakt des Kalkbrands 2024 am 28. Juni vor Ort statt und erhielt durch die Anwesenheit von Mitgliedern, Aita Zanetti (Gemeindepräsidentin Scuol), Victor Peer (Gemeindepräsident Valsot) und Martina Schlapbach (EBVM) einen feierlichen Rahmen (Abb. 6).

4        Besondere Schwierigkeiten

4.1       Logistik

Der Kalkofen in Sur En ist nur über einen sehr holperigen Waldweg erschlossen, der seit 2017 nicht mehr unterhalten wurde. Tiefe Mulden und Löcher erschweren die Anlieferung und den Abtransport von Material und temporärer Infrastruktur. Der gewonnene Stückkalk wird in luftdichten 60L Fässer abgefüllt und in einem Lager aufbewahrt, das die Gemeinde Scuol dem Verein kalkwerk zur Verfügung stellt. Der Transport von rund 130 Fässer mit Stückkalk vom Kalkofen zum Lager ist eine Herausforderung. Aufgrund der Platzverhältnisse im Lager müssen 3 Fässer aufeinandergestapelt werden. Bisher hat dies mit viel Schwung und Muskelkraft funktioniert, hätte aber grosses Potenzial der Vereinfachung. Zudem fehlt die Infrastruktur für das Einsumpfen von Stückkalk und die Lagerung des Sumpfkalkes – zum Beispiel in einer frostgeschützter Grube im Erdreich.

4.2       Lehmdeckel

Die Verwendung von regionalem Lehm als Isolationsdeckel auf der Kalksteinfüllung ist immer wieder Thema. Anstatt Erzlehm der Lohner Ziegelei haben wir dieses Mal fetten Lehm des Ziegelwerk Rhomberg aus Dornbirn verwendet, da dieser in der nahe gelegenen Val d’Uina für Wasserfassungen genutzt wurde und übrigblieb. Mit einem Drahtseil wurden im Teamwork etwa 10cm dicke Scheiben geschnitten und mit Lehmschlick als geschlossene Kuppel so fugenlos wie möglich auf die Steinfüllung platziert. Nach einigen Stunden war der Lehm getrocknet, wodurch sich Fugen bildeten, die erneut mit Lehmschlick verschlossen werden mussten. Das Auftragen des flüssigeren Lehms aus den vorherigen Kalkbrände hat besser funktioniert, da der Lehmdeckel praktisch fugenlos erstellt werden konnte.

5.    Wie es weitergeht

5.1  Restaurierung Ofenwände 2025 für nächsten Kalkbrand 2026

Die Ofenwände sind nach dem vierten Brand nun ziemlich beansprucht und müssen für einen weiteren Brand instandgesetzt werden. Geplant ist im Jahr 2025 einzelne Ofenwandsteine zu ersetzen und die gesamte inneren Ofenwände neu auszufugen. Ziel ist es die Tradition fortzuführen, sodass alle 2 Jahre ein Kalkbrand im Engadin stattfindet, nächster Kalkbrand 2026.

5.2  Diskussion und Veröffentlichung Forschungsergebnisse

Die fachübergreifende Diskussion der erfassten Daten vom Kalkbrand 2024 wird im Frühjahr 2025 angestrebt. Dabei kommen mehrere beteiligte Fachleute des Vereins kalkwerk zusammen, um die Resultate zu besprechen und Erklärungsansätze zu entwickeln. Dann werden weitere Versuche im Labor des Departements Materialwissenschaft der ETH durchgeführt, um herauszufinden was bei höheren Brenntemperaturen genau mit dem Dolomitstein passiert. Und Jörg Lang wird im Baulabor Sempach prüfen, ob es Unterschiede in der Bindekraft von Stückkalk aus unterschiedlichen Stellen des Kalkofens vom Brand 2024 gibt. Dafür wurden beim Ausräumen des Kalkofens gezielt Proben genommen. In naher Zukunft sollen die Untersuchungen, Ergebnisse und Diskussionen in einem geeigneten Medium publiziert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Eine Anfrage für ein Kurzreferat, bei dem die Erfahrungen vom Kalkbrand 2024 durch den Einsatz von Temperatursonden einer Fachrunde vorgestellt werden können, liegt von Seite der Verantwortlichen für den Wiederaufbau des Schulhauses im Ballenberg vor.

5.3  Immaterielles Kulturerbe Kalkbrennen braucht Anerkennung

In Deutschland sind die Zubereitung und Anwendung von traditionellem Kalkmörtel bereits seit 2016 im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Das Foto auf der Homepage der UNESCO Deutschland zeigt Joannes Wetzel (Kalkbrenner und Gründungsmitglied von kalkwerk) bei der Arbeit am Schloss Tarasp im Engadin. (https://bne.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/kalkmoertel)

In Spanien wurde die Tradition der Kalkherstellung (Kalkbrennen) in Morón de la Frontera 2011 von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt.

In der Schweiz sind Kalkbrennen und die Zubereitung und Anwendung von traditionellem Kalkmörtel noch nicht auf der Liste der lebendigen Traditionen aufgeführt. Die Liste wurde vom Bundesamt für Kultur (BAK) 2012 in Zusammenarbeit mit den Kantonen erstellt und seither zweimal ergänzt. Der Kontakt mit dem BAK wurde von unserer Seite aufgenommen, damit die traditionelle Kalkbrennerei und der Kalk als historischer Baustoff so bald wie möglich ebenfalls in die Liste aufgenommen werden.

Die Bedeutung dieses Handwerkswissens für unser jetziges und zukünftiges baukulturelles Erbe kann nicht genug betont werden – Kalk als Basis einer Baukultur, nachhaltig, beständig, baubiologisch, identitätsstiftend, reparaturfähig, und zeitlos schön.

6     Anhang Bilder und Diagramme

6.1  Diagramme

Abbildung 1: Brenntests im Labor ETH Zürich mit Engadiner Dolomit

Abbildung 2: Aufzeichnung Temperatur der Sonden im Brennofen beim Kalkbrand 2024 in den ersten Stunden

6.2  Bilder

Abbildung 3: Einbau der Dolomitsteine und Temperatursonden

Abbildung 4: Sgraffito Workshop für Kinder beim Kalkbrand 2024

Abbildung 5: Flammenbildung aus dem Lehmdeckel am Donnerstag, 4. Juli 2024, um 21:00 Uhr, 6. Brenntag

Abbildung 6: Übergabe des Innovationspreises durch Martina Schlappbach (Regiun Engiandina Bassa/Val Müstair)

7     Dank

Das Projekt lebt vom persönlichen Engagement ganz vieler Kalkbegeisterten. Wir möchten allen Mithelfenden und interessierten Besuchenden von ganzem Herzen für ihr Mitwirken Danken.

Sonja Portmann, Donald Niebaum, Antje Brückner, Kuno Lechthaler, Michael Seisenbacher, Catherine Jelk, Jörg Lang, Urs Amrain, Aaron Müller, Joachim Florineth, Hansjürg Feuz, Beat Sommer, Cornelia Meyer, Carlos Lang, Martin Portmann, Carla Wetzel, Marcus Wetzel, Susanne Hoffmann, Mona Piliod, Tobias Hotz,  Anna-Julia Plichta, Stephanie Thomet, Benjamin Wepfer, Hanspeter Müller, Hulda Wild, Andrea Ratazzi, Toni Läderach, Werner Schönthaler, Wolfgang Bosshardt, Raphael Poth, Christoph Stahel, Johannes Studer, Andrea Böck, Giacinta Jean, Andrea Schär, Daniele Parla, Iso Lechthaler, Luna Böni, Christian Haller, Willy Iten, Manuel (Nachnamen leider unbekannt), Jon Duri Wetzel, Gabriela Brun, Mario Laurent, Philipp Kaiser, Manuel Lorz, Mario Benkovic, Willy Jossen, Tobias Bolfing und Martina Caseri, Danke Euch!

Das Team von Restaurator*innen von Berner Atelier 40a war erneut dabei, eine sehr hilfreiche eingespielte Crew: Eléonore Bernard, Meret Haudenschild, Elnara Andrianova, Max Butz, Linus Wettstein, Goizane Mendia, Anna Aegerter und Kamilla Ødegård.

Besonders gefreut hat uns den Besuch, Austausch und die Mithilfe des Teams Kalkbrennen Ballenberg: Leta Büchi, Rahel Pilous-Schnyder, Patrick Bürgin und Robert Rosati.

Die wissenschaftliche Begleitung und tatkräftige Unterstützung vom Team des Departements Materialwissenschaft der ETH Zürich erachten wir als grosses Glück: Walther Caseri, Thomas Schweizer, Martin Willeke, Samuel Frei, Jannis Ruppen, Alessandro Bellucci, Raphael Buess, Jeremi Setz, Camillo Sirvinski, Samuel Brugger und Louis Rohrer.

Entschuldigt, die Aufzählung ist nicht vollständig, jedoch ein Versuch die Vielfalt der zahlreichen Beteiligung zu erfassen.

Im Namen des Vorstandes kalkwerk

Delphine Schmid

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KALKBRAND 2022 – TRADITION MIT ZUKUNFT

KALKBRAND 2022 - TRADITION MIT ZUKUNFT

1. Projektverlauf

1.1 Kurzzusammenfassung

Im Sommer 2022 wurde ein weiterer erfolgreicher Kalkbrand in einem traditionellen Ofen in Sur En da Sent durchgeführt. Dabei wurden rund 15 Tonnen Dolomitkalksteine aus der Val Trigl in der Nähe von S-Charl mittels Holzfeuerung zum Glühen gebracht und zu Dolomitstückkalk transformiert. Die Energieflüsse lassen sich nicht nur in Massenangaben des verwendeten Holzes (60 Ster), des Kalkertrags (7’000kg) und der vielen Arbeitseinsätzen der Freiwilligen (>1’0000 Stunden) messen. Das Kalkbrennen ist ein eindrückliches soziokulturelles Ereignis. Die mit der Kalkherstellung verbundenen Prozesse werden physisch begreifbar. Durch das Mitwirken an diesem sinnstiftenden Gemeinschaftswerk ziehen die Teilnehmenden selbst Wertvolles für sich daraus.

1.2 Programm

Begonnen wurde Mitte Juli mit dem Aufbau der temporären Infrastruktur: Gedeckter Bereich zum Kochen, Pavillons für die Workshops, Tipi als Schlafstelle für die Helfenden, Regenschutz vor dem Kalkofen und Komposttoilette. 

Am Montag (18.07.2022) sammelte ein starkes Team 2 grosse Muldencontainer voller Dolomitsteine. Die Gemeinde Scuol hat uns mit einem Pneulader beim Verlad unterstützt. In den nächsten 3 Tagen mauerte Joannes Wetzel mit Helfenden die Dolomitsteine im Kalkofen auf. Am Freitag wurde noch fleissig Holz gespalten und griffbereit beim Ofen aufgeschichtet.

Das Feuer wurde am Montag (25.07.2022) entfacht und bis zum Sonntag (31.07.22) während 7 Tagen ununterbrochen in Gang gehalten. 

Nach einer Abkühlzeit von einer Woche wurde der hergestellte Stückkalk in luftdichte Fässer gefüllt und ins Lager in Sur En gebracht. Am letzten Tag(12.08.2022) konnten die Aufräumarbeiten abgeschlossen werden.

2. Zielerreichung

2.1 Erkenntnisgewinne im Handwerk der traditionellen Kalkbrennerei

Aufgrund von thermogravimetrischen Analysen (TGA) im Labor für Multifunktionsmaterial der ETH Zürich des von uns verwendeten Dolomitkalks, wussten wir, dass der Zersetzungsprozess bereits bei 850°C stattfindet. Wir haben vom kalkwerk-Mitglied und ETH-Chemiker Prof. Dr. Walther Caseri gelernt, dass während des Zersetzungsprozesses des Calciummagnesiumcarbonats Energie in Form von Wärme entzogen wird. Das heisst, es handelt sich um eine endotherme Reaktion. Um den Prozess zu optimieren und Holz zu sparen, sind wir mit niedrigeren Temperaturen gefahren als bei den letzten Kalkbränden, also 800°-900°C anstatt 1’000°-1’100°C. Da jedoch der Dolomit eine schlechte Leitfähigkeit hat, kann es länger dauern, bis auch die Kerne der bis zu 40kg schweren Steine durchgebrannt sind. Der Aufbau der Trockenmauerkonstruktion aus Dolomitsteinen im Kalkofen bedingt verschiedene Steinformen und Grössen. Diesmal haben wir versucht, insgesamt grössere Steine zu verwenden für eine bessere Durchlüftung und ein besseres Zugverhalten während des Brandes. Dieser Effekt des besseren Zuges konnte dann auch beobachtet werden. Jedoch werden wir nächstes Mal auf eine nach oben verlaufende Abstufung der Steingrössen achten, damit die obersten Steine, welche erst zum Schluss die Endhitze erhalten, schneller durchgebrannt sind und keine ungebrannten Kerne übrigbleiben. Ausserdem haben wir zur Befeuerung zum ersten Mal Abschnitte aus der Sägerei (Fichte/Tanne mit viel Splintholz) verwendet. Möglichst trockenes und möglichst dünn gespaltenes Holz (Fichte, Lärche, Arve) erwies sich als ideal für eine gute Flammen- und reduzierte Rückstandsbildung in Form von Asche und Kohle. Frühere Erfahrungen haben gezeigt, dass Buchenholz ungeeignet ist, da die nötigen Temperaturen nicht erreicht werden können und sich eine grosse Menge an Kohle und Asche ansammelt.

2.2 Kulturelle Teilhabe, Wissenszugang und -Vermittlung

Es stand allen Menschen offen, jederzeit beim Kalkbrand vorbeizuschauen, Fragen zu stellen und mitzuhelfen. Dieses Angebot wurde besonders während des Brandes rege genutzt von spontanen Besuchen bis hin zu den im Voraus geplanten Familienferien, um bei dem Ereignis dabei sein zu können. Zusätzlich gab es geführte Exkursionen und Workhops zu verschiedenen Themen im Zusammenhang mit Kalkkultur.

Am 23.07.2022 fand eine Wanderung von Ramosch bis Sur En statt. Zuerst besichtigten wir ein typisches Wohn- und Wirtschaftsgebäude, welches nach dem Dorfbrand von 1880 von italienischen Handwerkenden mit Kalk wiederaufgebaut wurde. Danach besuchten wir die St. Florinus Kirche (1522) und erhielten eine spannende Führung von Pfarrer Christoph Reutlinger. Er gewährte einen erfrischenden Einblick in die Geschichte der Kirche und das damalige Dorfleben von Ramosch.
Nach einem Abstecher zur imposanten Burgruine Tschanüff spazierten wir runter zum Inn, um die Kalkofenruinen anzusehen, welche zuletzt für den Wiederaufbau von Ramosch Ende des 19Jh. in Betrieb waren. Die 2017 restaurierte Chalchera Stella in Sur En war der Endpunkt dieser Wanderung. Anschliessend an die Generalversammlung von kalkwerk gab es ein kleines Grillfest.

Am 27.07.2022 fand eine Wanderung von Sur En da Sent ins Val d’Uina statt. Restaurierte und noch verfallene Kalköfen säumen den Weg. Für den Bau des Weilers Uina Dadora wurden mindestens drei Kalköfen gebaut. Heute sind vom kleinen Dorf nur noch zwei Wohnhäuser und Stallungen übrig, der Rest ist Lawinen zum Opfer gefallen. Die Häuser aus Stein, Kalk und Holz wurden 1590 und 1751 erbaut und gehören zu den äusserst seltenen ursprünglichen Engadiner-Wohnhäusern mit Wirtschaftsteil, welche noch in ihrer Originalstruktur erhalten sind. Durch einen glücklichen Zufall erhielten wir einen Einblick ins Innere der Häuser. Sidonia Kleingutti, welche eine ausführliche Maturaarbeit über den Ort verfasst hatte, gab uns bereitwillig Einlass und Auskunft.

Am 28.07.2022 fand ein Sgraffito-Workshop statt. Beim Sgraffito handelt es sich um eine verzierende Kratztechnik in den frischen Kalkmörtel, welche in der Renaissance von Italien ins Engadin gewandert war. Im Workshop konnten alle Teilnehmenden ein eigenes Sgraffito auf einer Platte erstellen, indem sie zwei Aufträge mit einem Sand-Sumpfkalk-Gemisch und drei Kalkmilchanstriche machten. Die gewünschten Motive entstanden, indem sie die Kalkmilch mit einem Kratzwerkzeug entfernten und der Kontrast von Feinputz und Anstrich zum Vorschein kam. Eigentlich kinderleicht, auch Nachwuchstalente von 4-9 Jahren überzeugten mit ihren künstlerischen Fertigkeiten.

2.3 Herstellung Dolomitkalk als regionale Besonderheit

Das Brennen von Dolomit (Calciummagnesiumcarbonat) wurde bereits von den Römern praktiziert. Die chemischen Abläufe beim Dolomitkreislauf sind komplexer als die von reinem Kalkstein (Calciumcarbonat). Der im Engadin vorkommende Dolomit ist sehr homogen und hat hervorragende Eigenschaften bezüglich Frostbeständigkeit und Druckfestigkeit. Die genauen Prozesse beim Löschen und beim Abbinden von gebranntem Dolomit (Magnesiumoxid und Calciumoxid) sind relativ unerforscht.

2.4 Verfügbarkeit Material für historische Bauten

Die mineralisch errichtete Gebäudestruktur der Region, welche älter als 70 Jahre ist, besteht aus der regionalen Ressource Dolomit. Nun an die 7 Tonnen einheimisches Bindemittel zur Verfügung zu haben für den Erhalt und Weiterbau historischer Gebäude, ist unfassbar wertvoll. Insbesondere, da in der Schweiz nirgends sonst Dolomit gebrannt wird. Zum Einsatz kommt der gewonnene Stückkalk unter anderem bei der Klosteranlage in Müstair, bei der Restaurierung des Kalkofens in Guarda, bei der Umfassungsmauer der Kapelle von S-Charl, beim Wiederaufbau des Käsekessi der Alp Tamangur und bei Restaurierungen von Gebäuden aus dem 16Jh.-19Jh in Sclamischot, Ramosch, Sur En und Scuol.

2.5 Transdisziplinäre Vernetzung und Wissensaustausch

Der Ort der Chalchera war ein idealer Treffpunkt sowohl für auf Kalk neugierige Menschen, als auch für fachspezifische Profis. Bei Pfadi-ähnlichen Bedingungen fand tatsächliche Teilhabe und Vernetzung statt. Das gemeinsame Kochen, Steine schleppen, Holzen, Feuern und Kalk-Ernten verbindet über den Kalkbrand hinaus. Es bietet Raum für Gespräche zwischen Handwerker:in und Geolog:in, zwischen Künstler:in und Chemiker:in, zwischen Architekt:in und Steinmetz:in, zwischen Schreiner:in und Denkmalpfleger:in, zwischen Restaurator:in und Brunnenmeister:in, zwischen Filmer:in und Bierbrauer:in, zwischen Journalist:in und Fotograf:in, zwischen Kind und Grosseltern, usw.

2.5 Förderung des Handwerks der Kalkanwendung

Wir sind überzeugt, dass unsere Bemühungen für die Kalkbrennerei hunderte kleine Anstösse liefert, um über Kalkanwendungen nachzudenken. So breiten sich kleine Wellen über grosse Distanzen aus, mit der Idee, wieder mit Kalk handwerklich zu bauen. Durch Vermittlung, Vernetzung und Zugang zu Erfahrungen werden Menschen ermutigt, sich auf das Material einzulassen. Das Spektakuläre eines Kalkbrandes stellt die zeitlose Schönheit und die Beständigkeit von Kalkanwendungen ins Rampenlicht.

3. Besondere Erfolge

3.1 Forschungsbegleitung

Zum ersten Mal wurde beim Brand auch systematisch Daten gesammelt und von Materialwissenschaftler:innen der ETH ausgewertet. Temperatur, verfeuerte Holzmenge und Gewicht von 4 Steinproben wurden periodisch festgehalten. Für die stündlichen Temperaturmessungen wurde mit einem Pyrometer (Laserableser) an 5 bestimmten Punkten die Oberflächentemperatur der Dolomitsteine gemessen. Um abschätzen zu können, wieviel Holz im Verlauf des Kalkbrandes und zu welcher Geschwindigkeit verbraucht wird, wurde eine bestimmte Einheit (ca. 0.7 Ster) festgelegt und aufgeschrieben, zu welchen Zeitpunkten diese fertig verfeuert wurde.
Da man weiss, dass der Dolomit 47% seines Gewichtes bei der Transformation zu Calcium- und Magnesiumoxid verliert, wäre die Kontrolle des Gewichtsverlustes ein verlässlicher Anhaltspunkt, um zu wissen, ob die Steine komplett durchgebrannt sind. Die Entnahme der zum Vorraus markierten Steine gegen Ende des Brennvorgangs erwies sich als schwierig. Hitze, Erkennbarkeit und Zerbrechlichkeit der Proben war eine Herausforderung.

3.2 Ort der Teilhabe für Menschen, die aus ihrem Land flüchten mussten

Zudem bot das Projekt einen Ort der Begegnung in der Natur und Teilhabe für eine ukrainische Familie, welche aus ihrer Heimat vertrieben worden war. Die Eltern und ihr 4-jähriger Sohn kamen fast täglich vorbei, halfen mit, und genossen es, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Ihre Profession ist die Fotografie und so konnten sie ihre Talente auch einsetzen und schufen wunderbare Bilder dieser Zeit. Wir danken Svetlana Goncharova und Artiom Goncharov für die schönen Begegnungen und für ihre Arbeit.

3.3 Gemeinschaftswerk

Das grosse Interesse an Mitwirkung ist berührend. Dieser Kalkbrand war mehr denn je ein Gemeinschaftswerk. Die Vielfalt der Menschen und ihre Motivation, Engagement und Treue (einige waren zum zweiten, dritten oder gar vierten Mal mit dabei) haben dazu geführt, dass eine liebevolle Stimmung, gute Teamarbeit und ausgezeichnete kulinarische Verpflegung herrschte.

4. Besondere Schwierigkeiten

4.1 Regionaler Lehm

Gerne würden wir für den Lehmdeckel, welcher den Kalkofen ab dem zweiten Tag isoliert, regionalen Lehm verwenden (bewährt hat sich bisher Erzlehm der Lohnerziegelei). Im Vorfeld hatten wir mit der Keramikerin Séverine Emery Brennversuche mit dem Lehm aus der Grube der Kieswaschanlage von Sur En gemacht. Das Material erwies sich als nicht „fett“ genug und hat einen zu tiefen Schmelzpunkt für unsere Zwecke.

4.2 Grosser Andrang

Vergleichbar mit einem erfolgreichem Festival, steigen die Besucher:innenzahlen von Mal zu Mal. Da die Platzverhältnisse vor dem Ofen beschränkt sind, führte die grosse Anzahl an Interessierten zeitweise auch zu einer Behinderung der auszuführenden Arbeiten. Wir ermöglichen es einer Vielzahl mitzumachen, dabei gilt es, eine gute Balance von Erfahrung und neuem Ausprobieren zu finden. Das gestiegene Interesse erfordert in Zukunft eine planerische Reaktion.

5. Wie es weitergeht

5.1 Kalkbrand 2024

Um eine Kontinuität sicherzustellen und ein wachsendes Interesse zu befriedigen, planen wir alle 2 Jahre einen Kalkbrand im Unterengadin durchzuführen. Wir sind überzeugt, durch unsere Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Baukultur und zum Erhalt (und Neugewinn) von immateriellem Kulturerbe zu leisten. Idealerweise finden wir in Zukunft einen Weg, eine beständigere Finanzierung der wertvollen Arbeit des Vereins zu ermöglichen.

6. Dank

An dieser Stelle wollen wir allen Unterstützenden Danke sagen. Persönliches Engagement von vielen Menschen war massgebend für den Erfolg des Projektes. Wir sind enorm dankbar für dieses Netzwerk, dass uns stärkt, trägt und belebt.
Auch für die finanzielle Unterstützung möchten wir ein herzliches Dankeschön aussprechen.
Besonderen Dank gilt der lokalen Gemeinden Scuol und Samnaun, der kantonalen Denkmalpflege, der Corporaziun Energia Eingiadina (CEE), dem Heimatschutz Engadin und Südtäler, dem Bündner Heimatschutz, der Ernst Göhner-Stiftung, der Willi Muntwyler-Stiftung, dem Fachverband für Kalk Calcina und weitere private Gönner:innen.

Vielen Dank Euch allen!

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KURS MAUERN MIT KALKMÖRTEL IN MÜSTAIR

KURS MAUERN MIT KALKMÖRTEL IN MÜSTAIR

In Zusammenarbeit mit der Stiftung Pro Kloster St. Johann in Müstair und der Unterstützung des Graubündnerischen Baumeisterverbandes haben wir einen einwöchigen Kurs mit Anwendungsobjekt auf dem geschichtsträchtigen Areal durchgeführt. Das Benektinerinnenkloster ist eine Weltkulturerbestätte der UNESCO, erbaut aus Stein und Kalk. Der zum grossen Teil noch originale Dolomitkalkputz hat bereits 1’200 Jahre Bestand. Unter der Leitung von Joannes Wetzel beinhaltete der praktische Teil das Errichten einer Gartenmauer im Werkhof des Klosters. Dabei wurde das selbständige Mischen von Mörtel mit nicht- standardisierten regionalen Baumaterialien erlernt. Wir haben mit Stückkalk vom Kalkrand 2020, mit Steinen und Sand vom Ort gearbeitet.Theoretische Inputs gab es von Rufino Emenegger, Jürg Goll, Delphine Schmid, Simon Berger und Patrick Cassitti. Der Kurs war schnell ausgebucht und hatte einen interessanten Mix an Teilnehmenden: Einerseits Handwerkende, welche für grosse Firmen bereits an historischer Substanz arbeiten, andererseits Personen aus der Archäologie und Bauforschung, sowie Handwerker aus kleinen Betrieben und Leute, die an ihrem eigenen Haus Hand anlegen wollen.

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KALKLÖSCHFEST

KALKLÖSCHFEST 2021

An die 30 Personen haben mit uns das jedes Mal wieder verblüffende Ereignis, dass sich Steine in schneeweissen Brei verwandeln gefeiert. Dafür wurden einige Fässer Stückkalk vom Brand 2020 durch Zugabe von Wasser „gelöscht“, und so zu Sumpfkalk verarbeitet. Anwendungsbeispiele von mehrjährig gelagertem Sumpfkalk sind Feinputze, Kalkglätten, Anstriche, Sgraffito und Freskomalereien. Muster davon konnten vor Ort besichtigt werden. Dazu gab es Grill und Getränke.

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KALKBRAND BALLENBERG

KALKBRAND BALLENBERG 2021

Während vier Tagen wurde der Kalkofen auf dem Ballenberg in Betrieb gesetzt und Mitarbeitende des Freilichtmuseums und des Kurszentrums brannten Kalksteine. Ein Profiteam von kalkwerk war mit Info- und Workshopständen vor Ort und gaben einen Einblick in den Kosmos des Kalkes. Bei verschiedenen Stationen gaben Expert:innen Auskunft über das Handwerk und es gab die Möglichkeit selbst auszuprobieren: Kalkherstellung, Mauern mit Kalkmörtel, Kalkverputze, Oberflächengestaltung, Sgraffito und Kalk als Bindemittel für Farben (Fresko, Steinpigmente und Kaseinleim auf Holz). Der Brand konnte rund um die Uhr mitverfolgt werden.

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KALK PERFORMANCE IN BASEL

KALK PERFORMANCE IN BASEL

GRANDFATHER’S AXE – AUSSTELLUNGSRAUM KLINGENTAL – BASEL – HERBST 2020

kalkwerk realisierte zusammen mit dem Künstler Christian Kosmas Mayer im Oktober 2020 eine Kalklöschperformance an der Vernissage der Ausstellung Grandfather’s Axe im Ausstellungsraum Klingenthal in Basel. 

Die Bauarbeiten auf dem Areal der ehemaligen Kaserne Klingenthal wurde von der archäologischen Bodenforschung begleitet. Dabei wurden die Überreste eines Kalkbrennofens entdeckt. 

In Anlehnung an Joseph Beuys Aktion «Grassello» möchte der Künstler die alchemistisch anmutende Transformation von Stein zu Stein im Kalkkreislaufes und das für Beuys harmonische Verhältnis des Menschen zur Natur, das sich auf uraltem Wissen begründet wieder aufgreifen. 

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KALKBRAND IN SUR EN DA SENT 2020

KALKBRAND IN SUR EN DA SENT 2020

Im Sommer 2020 konnte im Kalkofen in Sur En der vierte Kalkbrand von Joannes Wetzel im Unterengadin durchgeführt werden. Unter seiner fachkundigen Leitung konnten ca. 15 Tonnen Dolomit- kalksteine in Branntkalk umgewandelt werden. Dies wurde ermöglicht durch ein Crowdfunding, sowie der finanziellen Unterstützung der Kantonalen Den- kmalpflege und weiteren Stiftungen und Organisationen. Die ganze Arbeit unter Mithilfe von Freiwilligen dauert gut einen Monat, der Brand selbst 7 Tage. Das Ereignis von Kalkbrand 2020 wurde von einem Rahmenprogramm für Besuchende begleitet, mit Workshops zur Kalkanwendung und zu Sgraffito, Wanderungen zu historischen Kalkbren- nöfen und Architekturführungen durch Engadiner Dörfer.
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Exkursion Kalkofenruine im Nationalpark

EXKURSION KALKOFENRUINE IM NATIONALPARK

Prof. em. Dr. phil. nat. Christian Schlüchter vom Institut Geologie von der Universität Bern hat auf einer Führung beim Ofenpass im Val Chavagl die Überreste eines Kalkofens entdeckt. Dieser war vermutlich lange Zeit verschüttet und ist durch ein geologisches Phänomen wieder freigelegt worden. Herr Schlüchter hat bei Nachforschungen mittels Dendrochronologie und anderen Klimadaten herausgefunden dass ca. im Jahre 1650 eine grössere Schlammlawine bei der Rüfe hinuntergekommen ist und das Gelände nachhaltig geprägt hat.

Diese Fundstelle und einen weiteren grob erhaltenen Kalkofen nähe Nationalpark sind wir mit einer fachspezifischen Gruppe besuchen gegangen. Mit dabei waren mitunter 2 Geologen, 3 Archeolog*innen, 3 Architekt*innen und 2 Handwerker aus der Praxis. Die Überreste des Kalkofens auf der rechten Seite des Flusses nahe einer Rüfe wirft viele Fragen auf, welche lebhaft diskutiert wurden.

Wieso wurde dieser Standort gewählt, wenn doch die Strasse auf der anderen Seite verlief und es sehr umständlich sein musste den Kalk fort zu transportieren? Wieso wurde der Kalkofen so nahe am Flussbett gebaut, wo er doch Gefahr läuft hinfort geschwemmt zu werden. Wozu wurde gerade an diesem Ort Kalk gebrannt, da in der Nähe keinen weiteren menschlichen baulichen Massnahmen zu finden sind? Wann wurde der Ofen gebaut, vor oder nach dem Grossen Erdrutsch Ereignis?

Fazit der Diskussionen war, es solle zusammen mit dem archäologischen Dienst weitere Untersuchungen und Grabungen geben um den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

 

Fotos: Delphine Schmid

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LEHMDECKEL BEIM KALKBRENNEN

LEHMDECKEL BEIM KALKBRENNEN

Kalkbrand 2017 in Sur En da Sent im Unterengadin, im restaurierten Ofen.


Ein Projekt der Fundaziun Nairs mit der Unterstützung von pro helvetia unter der Fachkundigen Leitung von Joannes Wetzel.

Am zweiten Tag des Kalkbrandes, nachdem ein grosser Teil der Feuchtigkeit von den Steinen entwichen ist, wird ein Lehmdeckel erstellt.
Für den Lehmdeckel wird Lehmpuder mit Wasser angemacht und vermischt bis die Lehmpaste die richtige Konsistenz zum verstreichen hat.

Der Lehmdeckel dient dazu die Hitze im Ofeninneren zu behalten. Mit Tannenzweigen wird eine Trennschicht zu den Kalksteinen erstellt. Darüber wird eine Lehmschicht von ca. 8cm gemacht.

Einige Luftlöcher werden mittels einer Flasche in den Lehm gedrückt. Diese Luftlöcher dienen einer guten Luftzirkulation und sorgen für einen guten Zug im Ofen.

Gebrannter Lehmdeckel

Durch die Hitze wird der Lehmdeckel schnell durchgebrannt. Schamott Steine am Rand helfen die Luftzirkulation rings um den Ofen zu kontrollieren und somit die Temparatur im Ofen zu steuern.

Durch die Luftlöcher und den freien Rand des Ofens sieht man die glühenden Steine, welche bald die richtige Tem- peratur von 1’000 Grad erreichen.

Im Transformationsprozess von Kalkstein (Calciumcar- bonat) zu Branntkalk (Calciumoxid) gibt das Material bei hoher Hitze Wasser und Co2 ab.

Luftloch im Lehmdeckel

Luftlöcher im Lehmdeckel, Bullauge ins innere des Kalkofens. Am 4. ten Tag des Kalkbrandes glühen die Steine und erreichen bald eine Temperatur von 1’000 Grad.

Kalkofen bei Nacht

Die aktive Chalchera Stella beim Kalkbrand in Sur En da Sent 2017.
Das Feuerungsloch auch “Hölle” genannt übt eine grosse Anziehungskraft aus, besonders bei Nacht.

Das Feuer muss bei einem Kalkbrand rund um die Uhr im Gang gehalten werden. Dazu wird trockenes Fichten Tannen Holz benötigt um ständig Flammen zu erhalten.

Bei Nacht ist die Hitze des Ofens besonders sicht- und spürbar. Das Feuer befindet sich nach ein paar Tagen im ganzen Ofen. Die Flammen züngeln aus den Luftlöchern des Lehmdeckels, die eingefüllten 15 Tonnen Kalksteine sind nun alle glühend.

Glasierte gebrannte Tonkeramik

Kalkofen als Transformationsmaschine: Nicht nur die Kalksteine werden während dem Brand zu Branntkalk umgewandelt. Der Quarzsand im Lehmdeckel schmilzt und tropft als Glas hinunter. Aus Lehm wird gebrannte Tonkeramik.

Hier sieht man ein Stück des Lehmdeckels nach dem Brand. Der gebrannte Lehm hat zudem ein Glasur bekommen und einzelne grüne Glasperlen haben sich gebildet aus dem Quarzanteil des lehmigen Materials des Deckels.

Auf der Unterseite sind noch Abdrücke der Tannenzweige sichtbar, welche als Trennschicht zu den Kalksteinen gedient haben und während dem Brand komplett verbrannt wurden.

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Kalkofenwanderung Val d’Uina

KALKOFENWANDERUNG VAL D'UINA

Sur En da Sent hat eine Vorindustrielle Vergangenheit. Vom Dorf bis weit hinein ins wild romantische Uina Tal gab es früher bis zu 13 Kalköfen. Das Dorf am Fluss hatte Mitte dem 19 J.H, wirtschaftliche Bedeutung und befand sich an einer wichtigen Handelsroute. Es gab nicht nur Kalköfen, sondern auch eine Sägerei, ein Zapfenfabrik für die Forstwirtschaft, eine Mühle und sogar ein Zollhaus. Mit Beat Hoffman vom Kulturarchiv Unterengadin (ACEB) und den beiden Projektinitianten Delphine Schmid und Joannes Wetzel begab sich eine stattliche Gruppe von 30 Kalkinteressierten auf eine Wanderung.Im Dorf selbst sind 3 restaurierte Kalköfen zu sehen.

Auf dem Weg hinauf findet man noch Überreste von Kalköfen in Form von weiss gebrannten Kalkstückchen. Für den Bau des Weilers Uina Dadora wurden mindestens 3 Kalköfen gebaut. Heute sind vom kleinen Dorf nur noch zwei Wohnhäuser und Stallungen übrig, der Rest ist Lawinen zum Opfer gefallen. Die Häuser aus Stein, Kalk und Holz wurden 1751 und 1590 erbaut (siehe Maturaarbeit von Sidonia Kleinguti) und gehören zu den äusserst seltenen ursprünglichen Engadiner Wohnhäuser  mit Wirtschaftsteil welche noch in ihrer Originalstruktur erhalten sind. Unterhaltsarbeiten an der Fassade wurde vor einigen Jahren von Johann Tschalèr mit dem von Joannes Wetzel gebranntem Kalk ausgeführt.

Als Abschluss der Wanderung gab es ein Apéro bei der Chalchera Stella, wo alle Fragen zur Kalkbrennerei mit den frisch geschmiedeten Bekanntschaften erörtert werden konnten.

Fotos: Christoph Stahel